Blutzuckerentgleisung - Pech oder einfach nur menschliches Versagen?

Ich habe eine lange Nacht hinter mir. Sogesehen ist es eigentlich schon die zweite lange Nacht, aber nach der heutigen Nacht, wirkt die gestrige schon wieder wie ein lächerlich kleiner Ausrutschter.

Unerklärliche Blutzuckereskapaden hat vermutlich jeder einmal. Solange diese sich problemlos wieder bändigen lassen, ist alles ok. Nachdem mich vor dem Zubettgehen, genau wie am Vorabend eine 3 von dem Display meines Messgerätes anlächelte, bekam ich Schweißausbrüche.
Genau so hatte der gestrige Abend auch begonnen und schlussendlich damit geendet, dass mich ein stündliches Weckerklingeln bis in die Morgenstunden, wo sich das Insulin scheinbar dann doch einmal überlegt hatte mit voller Wucht zu wirken, wachhielt. Dazwischen vernichtete ich sicherheitshalber noch mehrere Flaschen Wasser.
Ich entschied mich heute wieder ähnlich vorzugehen. Temporäre Basalrate hochschrauben, mit dem Pen korrigieren, eine Flasche Wasser neben das Bett und der Wecker wurde auch gestellt. An Katheter und Co konnte es dank Wechsel eigentlich nicht liegen...So schlief ich dann also etwa 30 Minuten und wurde wach, weil (oh Wunder) das ganze getrunkene Wasser  meinen Körper irgendwann ja auch wieder verlassen wollte.


Auf dem Weg zur Toilette dachte ich, ich müsste mich übergeben.
Nach über 15 Jahren Diabetes weiß ich diese Zeichen zu verstehen - Ketone. Unter Übelkeit versuchte ich mich zu noch mehr Wasser trinken zu zwingen. Schließlich ist das der einzige Weg raus aus dieser Misere.
Das Theater aus abwechselnd Spritzen, Bolus geben, Wasser trinken (meinem Freund die Ohren vorheulen was für ein Arschl*** der Diabetes sein kann) und der Überlegung nicht doch ins Krankenhaus zu fahren ging noch mindestens 3 Stunden weiter. Das einzige was mich davon abhielt tatsächlich ins Krankenhaus zu fahren, war, dass ich diese Situation schon oft alleine gemeistert hatte und die Vorstellung mich mit besagter Übelkeit jetzt wirklich für eine Fahrt ins Auto zu setzen,  mir zusätzlich Sorgen bereitete Also vereinbarten wir, wenn wir in 2 Stunden nicht Herr der Lage wurden, zu fahren.
Zwischenzeitlich fühlte ich mich aber Gott sei Dank besser. Die Übelkeit war verschwunden und auch die Ketone machten sich kaum mehr bemerkbar.

Aber eins war komisch. Trotz gefühlter 100 Einheiten Insulin blieb der Wert hoch.
Ich überlegte also das Insulin des Pens als letzte Möglichkeit zu wechseln. Ich hätte zu allen Mitteln gegriffen, solange es mir besser gegangen wäre. Denn mittlerweile, nachdem es mir eigentlich schon wieder besser ging, der Wert allerdings weiterhin hoch blieb, kam die Übelkeit wieder.

Bei einem Blick in auf meinen Pen fand ich den ersten Übeltäter!
Dort, wo eigentlich das rettende Insulin rumschwimmen sollte, lächelte mich eine Leere von Luft an. Das, hatte ich noch nicht gesehen. Auf den ersten Blick sah es so aus, als ob die Ampulle noch nahezu voll wäre, bei einem zweiten Blick erkannte ich, dass dort nur Luft war. Ich weiss nicht wie oder geschweige denn wann - aber scheinbar war mein Insulin aus der Ampulle ausgelaufen. Und ich wunderte mich, warum all die Korrektur nichts brachte.
Um wirklich alle Risiken auszuschliessen, entschied ich mich die DailyDose (kleine Spritzen) aus den Tiefen meines Schrankes zu holen und künftige  Korrekturen mit diesen vorzunehmen. Erfolgreich: denn siehe da, langsam aber sicher tat sich etwas:

Ich startete einen weiteren Versuch zu schlafen. Natürlich nur in dem Wissen, dass mein Wecker in wenigen Minuten wieder klingeln würde und ich nochmals meinen Blutzucker kontrollieren konnte. Aber ich war mir sicher keine bösen Überraschungen mehr zu erleben. Immerhin hatte ich den Übeltäter namens Pen ja bereits enttarnt und auch die Basalrate lief noch auf etwa 150%.

Als mein Wecker klingelte war ich einerseits erleichtert endlich eine 2 vorne zu sehen, andererseits fand ich den Abfall angesichts der Menge Insulin die irgendwo ihr Unwesen in meinem Körper treiben sollte, relativ gering. Ich schraubte also nocheinmal etwas an der temporären Basalrate rum und schlief.

Als mich beim nächsten Messen dann eine  150 anlächelte, war ich mir sicher es endgültig geschafft zu haben.
Aber weit gefehlt. Und bei dem was ich euch jetzt erzähle, weiss ich nicht ob es Pech ist oder einfach nur meine eigene Doofheit. Kein Mensch ist perfekt und jeder macht Fehler - meine Devise für den heutigen Morgen. Denn eigentlich basierte diese Horrornacht einzig und alleine auf meinem menschlichen Versagen...
Gestern nämlich musste ich meine Pumpe tauschen. Nachdem diese mehrfach Probleme mit der Stromversorgung hatte und zudem ab und zu das Display aussah als würde ich durch eine Nebelwand darauf schauen, hatte man mir sicherheitshalber eine Ersatzpumpe zukommen lassen.
Einstellungen wie Basalrate, Bolusfaktoren etc. hatte ich bereits am späten Vormittag gemacht und wog mich diesbezüglich in Sicherheit.
Als ich aber dann doch wieder mit einem 300er Wert aufwachte, dachte ich ich drehe durch. Nicht nur dass dieser Wert mir mein schönes Sonntagsfrühstück versaute, ... ich wusste auch einfach nicht weiter.
Kurzerhand nahm sich Philippe (mein Typ F), der ebenso wenig geschlafen hatte und mir die ganze Nacht im Kampf gegen die Ketone geholfen hatte, die Pumpe und stellte nach kürzester Zeit fest, dass die Basalrate seit Stunden bei Null lag. Mir blieb die Luft weg und ich realisierte, dass wir zwar eine zweite Basalrate in der neuen Pumpe eingestellt hatten, aber nicht aktiviert, sodass ich seit Stunden ohne Basal war. Und nicht nur das - die Basalrate war seit Stunden bei Null, sodass ich die temporäre Basalrate auch auf 500% stellen können. Aber 0x500 bleibt eben auch nur Null...
Damit war dann auch der zweite Übeltäter entlarvt. Mittlerweile sitze ich optimistisch vor einem gedeckten Frühstückstisch und hoffe es nun ein für allemale hinter mir zu haben.
Erschreckend ist, dass der Blutzucker einzig und alleine wegen meinen Fehlern so ausser Rand und Band war. Ich hätte all das durch etwas mehr Aufmerksamkeit vermutlich verhindern können. Immerhin gehe ich meinem Job als Diabetikerin ja auch nicht erst seit gestern nach...
So ist es nun und beim nächsten Mal werde ich schlauer sein. Fehler sind nun mal menschlich. Auch in der Diabetestherapie. Oder?

Ich bin gespannt auf eure Erfahrungen!
Über ein ähnliches Blutzuckereskapaden-Erlebnis habe ich vor geraumer Zeit auch schon einmal geschrieben: Wirst du denn nie müde?


 
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