Mittelamerika-Reise mit störrigem Diabetes an Board


Waren es Jetlag, das fettige Essen, das Wetter oder aber einfach (mal wieder) eine Laune meines Körpers, denen ich das totale Wertechaos in den ersten Tagen unserer Reise zu verdanken hatte? Ich weiß es nicht. Aber mit Sicherheit trugen alle diese Faktoren ihren Teil dazu bei, dass ich zwischenzeitlich mehr als frustriert mit meinem Messgerät in der Hand vor einem Familienmitglied nach dem anderen stand und jammerte was das Zeug hielt. Denn auch wenn ich immer versuche mir von möglichen Achterbahnfahrten meines Körpers nicht die Laune verderben zu lassen, so fiel es mir insbesondere in den ersten Tagen unserer diesjährigen Reise doch sehr schwer. Warum musste der Diabetes es mir auch so schwer machen? Ausgerechnet im Urlaub?! So lange hatte ich mich auf diesen Urlaub gefreut. Und einen zickigen Diabetes konnte ich da weiß Gott nicht gebrauchen. Aber erst einmal langsam von Anfang...

Die Reise
Unsere Reise startete in Florida in den USA. Von dort ging es nach einer kurzen Nacht im Hotel Richtung Hafen und aufs Schiff - Prämiere. Vielleicht hatte der ein oder andere ja bereits mitbekommen - dieses Jahr erwartete mich eine Kreuzfahrt durch Mittelamerika. Wegen des Faktors Schiff war es mir dieses mal auch wichtiger denn je mit einer Ersatzpumpe zu reisen. Immerhin sollten wir die nächsten Tage an Board und auf Wasser - irgendwo im nirgendwo - verbringen. Nach einigem hin und her erhielt ich dann auch endlich und rechtzeitig meine Ersatzpumpe. Dem Urlaub stand insofern nun nichts mehr im Wege und ich konnte mich besten Gewissens in den Flieger setzen.

Spritz-Ess-Abstand - auch auf hoher See ein Thema...
Trotz des als "schnellstes Insulin überhaupt" gehandelten Fiasp, habe ich auch in Deutschland morgens regelmäßig noch Probleme, meine Werte in Zaum zu halten. Und wenn es mit dem Frühstück nicht läuft, dann läuft es auch den ganzen Tag nicht. Leider hatte sich dieses Frühstücksproblem entgegen meiner großen Hoffnun, dass es an Land bleibt, auch mit an Board geschlichen. Quasi ein blinder Passagier.
15 Minuten Spritz-Ess-Abstand waren zuhause schon meistens zu wenig und auch im Urlaub sollten sie nicht reichen um Pancakes, Omlettes und Fruit Loops vom Buffet gerecht zu werden - das gab mir mein Körper ziemlich schnell und unbarmherzig zu verstehen. Mein Körper tat die darauffolgenden Stunden einfach konsequent so, als hätte ich das Frühstück überhaupt nicht berechnet und zeigte sich auch bei der drölften Korrektureinheit wenig beeindruckt.

Sensorfixierung beim Schwimmen mit Rochen
Ich entschied mich dafür mir von schlechten Werten nicht die Reise versauen zu lassen, befestigte meinen Sensor noch einmal extra mit Fixomull Stretch und brach dann mit der ganzen Mannschaft (aka Familie) zu den Cayman Islands auf.  Denn mein geliebter Sensor sollte keinesfalls Sonne, Meerwasser und Sonnenschutzmitteln zum Opfer fallen.

Wir hatten uns entschieden an einem Tauch-/Schnorchel Ausflug teilzunehmen, bei dem man u.a. mit Rochen in freier Wildbahn schwimmen konnte. Dank extra Diabeteszubehör und Co, dass ich selbstverständlich bei einem Tagesausflug wie diesem mitnehmen wollte, war mein Rucksack natürlich in etwa 3 mal so voll wie die der anderen, aber ich wollte mit allen Mitteln verhindern, dass mir der Diabetes (ausser mit ein paar wertetechnischen Zickereien, die ich entschieden hatte hinzunehmen) in die Quere kommt und mir so diesen einmaligen Ausflug ruiniert. Tat er (dank ein paar Vorkehrungen) auch nicht. Und spätestens als ich im offenen Meer auf einer Sandbank stand und um mich herum Rochen tanzten und dabei meine Beine berührten, war selbst der Frühstücks-Ausrutscher vom Morgen vergessen. Ein wirklich einmaliges und atemberaubendes Erlebnis.

Der Empfehlung meines Sensorherstellers nicht länger als 30 Minuten mit dem Sensor im Wasser zu sein, konnte ich wegen der Eindrücke und meiner Überwältigung nicht folgen. Machte aber gar nichts - denn auch nach vielen, vielen Minuten im kristallklaren Wasser funktionierte er noch...wenn auch weiterhin mit Werten, die so wohl nicht unbedingt unter die Lehrbuchdefinition von "Zielbereich" fallen.

 

Affen-Sicheres verstauen von Pumpe und Co
Am nächsten Tag ging es nach Roatan - einer kleinen Insel die zu Honduras gehört.
Wieder bereitete ich mich ausreichend auf unseren Tagesausflug vor. Roatan hat eine wunder-, wunderschöne Natur. Allerdings ist die Bevölkerung sobald man die touristische Hafengegend verlässt sehr arm. Wie es hier wohl mit der Versorgung aussieht, wenn man Diabetes hat?
Ich weiß es nicht.

Ein Einheimischer machte eine Tour über die komplette Insel mit uns. Unser erster Halt war eine Art "Affenpark". Affen, die auch auf Roatan in freier Wildbahn leben. Und alleine diese Vorstellung fand ich einfach wahnsinn. Danach ging es zum Strand von Roatan. Vermutlich dem schönste, den ich bisher gesehen habe.

Bei den Affen machte man uns darauf aufmerksam, dass diese alle samt sehr vorwitzige Zeitgenossen seien und wir bloss Alles sicher und gut verstauen sollten. So kam es dazu dass ich mir erstmals Gedanken darüber machte, ob meine Sensorfixierung am Arm wohl den schnellen Fingern eines kleinen Affen standhalten würde und ob es möglich wäre, dass eines der Tiere gefallen an dem Schlauch der Pumpe finden könnte. Ich wollte dem Vorbeugen und verstaute alles so gut es ging. Scheinbar gut genug. Denn ausser der Sonnenbrille meiner Mama, die ein Affe in einem unbeobachteten Moment durch das Käfiggitter versuchte ihr vom Kopf zu klauen, blieben wir unversehrt.
...und Faultiere bringt ja eh nichts aus der Ruhe. Weder Pumpenschlauch, noch Sensoren, noch irgendwelche Sonnenbrillen. Manchmal wünschte ich mir selber einmal eine solche Gelassenheit zu haben. Sei es bezüglich möglicher Diabeteseskapaden oder einfach um Herr meiner "Hummeln im Hintern" zu werden.




Belize
Unser dritter Halt sollte das kleine Land Belize sein, das an Mexiko und Guatemala grenzt. Von dort aus ging es mit einem kleinen Bus erst durch die Stadt und dann während einer etwa 1,5 stündigen Fahrt zu den Maya-Pyramiden. Die mind. 90% Luftfeuchtigkeit vor Ort machten es niemandem leicht. Alles klebte und ich hatte ernsthaft sorge beim nächsten Toilettengang meinen Katheter zu verlieren. Auch wenn der Katheter am Bein eine meiner Lieblingsstellen ist und dazu auch noch eine der wenigen wo er wirklich gut und sicher sitzt - dieser Feuchtigkeit fiel über kurz oder lang jeder zum Opfer. Trotz des Klimas (und vielleicht auch wegen des Klimas - immerhin waren wir mitten im Dschungel, also wie sollte es anders sein?) war es mehr als beeindruckend an diesem Ort. Als Hypohelfer dienten übrigens mehrere Packungen "Fruit-Loops", welche ich morgens vom Frühstücksbuffet eingepackt hatte. Der Snack vor Ort, war aber ein ganz anderer. Denn an jeder Ecke verkauften die Bewohner frische Kokosnüsse. Wie und ob man diese berechnet (berechnen sollte) war mir in diesem Moment mehr als egal. Denn was wusste ich schon in diesem Moment, wie der Diabetes auf das tropische Klima vor Ort reagieren würde. Eine halbe BE Kokosnuss würden den Braten wohl auch nicht mehr fett machen - ... und Recht hatte ich!

Mexikanisches Wunderkraut
Unser letzter Halt verschlug uns nach Cozumel - eine mexikanische Insel. Nach den vielen, vielen Eindrücken der letzten Tage entschieden wir uns ganz entspannt den Tag am Strand zu verbringen. Mit dem Taxi fuhren wir also vom Hafen - weg von der touristischen Gegend - hin zu einem wunderschönen Strand. Unser mexikanischer Taxifahrer machte uns plötzlich aus heiterem Himmel, während der etwa 20 minütigen Fahrt, darauf aufmerksam, dass das da am Straßenrand eine Pflanze seie die die Maya genutzt hätten um ihren Blutzucker zu regulieren. Natürlich bin ich gleich panisch aus dem Auto gesprungen, habe 4 Kilo in den Rucks... Nein! Natürlich nicht. Aber lustig fand ich die Geschichte allemale, auch wenn ich in solchen Situationen immer aufpassen muss nicht die Augen zu verdrehen. Ich weiß nicht ob es Zufall war, dass der Taxifahrer ausgerechnet auf das Thema Diabetes zu sprechen kam oder ob er womöglich meinen Sensor oder Katheter am Arm beim Einsteigen ins Taxi gesehen hatte...

Diabetes hin oder her...
Unsere Reise war einmalig. Dank der vielen Eindrücke bin ich jeden Abend bereits sehr früh einfach nur noch ins Bett gefallen. Alle Sorgen bezüglich des Diabetes aus hoher See stellten sich als unbegründet heraus und auch meine Ersatzpumpe hat zwischenzeitlich - unbenutzt - ihren Weg zurück zum Hersteller gefunden. Trotz dass alles gut gegangen ist, bin ich aber weiterhin lieber vorbereitet, ...den Vorsicht ist ja bekanntlich besser, als Nachsicht.

Meine Werte waren alles andere als einfach während dieser 2 Wochen. Ich glaube ich hatte in meinen mittlerweile fast 17 Jahren (am 2.01.2018 feier ich mein 17 Diaversary) kaum einen Urlaub, der mich bezüglich des Diabetes so hat verzweifeln lassen. Aufgrund der hohen Temperaturen hatte ich zwischenzeitlich auch Angst das Insulin in meiner Pumpe könnte zu heiß geworden sein und ersetzte es deswegen mehr als 1 mal durch neues aus der gut gekühlten Schiffskabine. Aktuell teste ich unter anderem auch aus diesem Grund den MedAngel-Sensor, der mir freundlicherweise zur verfügung gestellt wurde und die Temperatur des Insulins dauerhaft überwacht und Alarm gibt, sobald dieses zu heiß oder kalt wird - dazu aber in Kürze mehr. Essen und die vielen Korrekturen sorgten allerdings so oder so dafür, dass ich fast einen doppelten Insulinbedarf hatte, wie ich es sonst normal gewohnt bin.

Trotzdem möchte ich nicht meckern. Es ist wirklich blöd, wenn es mit dem Diabetes nicht läuft - ob Zuhause oder auf Reisen (...wenn vielleicht auf Reisen auch doch nochmal einen ticken blöder 😅)... Aber wir können Reisen. Einmal quer über die ganze Welt. Wir können mit einem Schiff quer über den Ozean schippern... All das mit ein wenig mehr Vorbereitung. Aber es geht. Und solange das geht und die Blutzuckereskapaden irgendwann auch wieder ein Ende nehmen, wird es nicht im Traum so sein, dass ich mich ernsthaft beschwere oder meinen Urlaub in Frage stelle. Denn soviel will ich am Ende doch nochmal gesagt haben: Es war einfach super - und der nächste Urlaub ist natürlich schon längst geplant!

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