Prüfungsphase mit Diabetes - eine besondere Herausforderung



Der Diabetes nervt. Die letzten Tage vielleicht mehr denn je... Moment, hatte ich nicht mit diesen Worten, oder zumindest Ähnlichen meinen letzten Post auch schon beendet?! Ja, richtig! Es scheint so, als hätte sich seit Ende letzten Jahres wenig an unserem komplizierten Verhältnis geändert. Wer an dieser Stelle also einen "Alles-Super-Diabetes-und-ich-sind-beste-Freunde-Blogpost" erwartet, sollte lieber wegklicken. Stattdessen folgen nämlich die aufgestauten Gefühle der letzen Wochen, die schon lange darauf warten, endlich raus gelassen zu werden. Denn die letzen Tage waren turbulent und aufregend und das hat auch der Diabetes gemerkt. Aber einmal von Anfang!

Neulich las ich im Internet auf einer Seite für Studenten mit witzigen Sprüchen: "Prüfungsphase ist, wenn du beim Straße überqueren nicht mehr nach links und rechts guckst, weil überfahren werden eine echte Alternative ist." Klingt für viele vermutlich makaber, aber die Studenten unter uns werden sicher (mit einem Zwinkern) zustimmen, dass hier zumindest ein Funken Wahrheit drinnen steckt. Denn Prüfungsphasen sind nervenzerrend, kraftraubend und ein Balanceakt. Bisher glaubte ich, die Prüfungsphase würde mich nervlich nicht mehr mitnehmen, als all meine Kommilitonen auch. Kaffee wird zum Wasserersatz, Lernen bis tief in die Nacht und das Haus wird nicht mehr verlassen. All das gehört bei vielen Studenten mindestens einmal im Semester dazu. So auch bei mir.
Dieses mal aber, in meiner letzten Prüfungsphase bevor ich dann in einigen Wochen hoffentlich endlich mein Bachelor Zeugnis in der Hand halte, war es anders. Es war unfair. Unfair, weil mein  eigener Körper mir das Lernen erschweren sollte...

Dass Aufregung in gewissen Maßen Einfluss auf meinen Diabetes hat, merkte ich erstmalig bei einem Diabetesschulungswochenende, wo ich als Referentin auftreten sollte. Versteht mich nicht falsch, ich mache soetwas gerne. Referate, Vorträge, ja... man könnte sagen, dass ich sowas sogar ziemlich gut kann. Aber eine gewisse "Grundaufregung" ist vermutlich sogar bei den erfahrensten Referenten normal.
Über Stunden ignorierte mein Körper damals jegliche Insulinzufuhr und egal was ich tat, der Blutzucker blieb über 200 mg/dl. Konsequent! Bis nach meinem Vortrag.
Ähnliches erwartete ich also auch für meine Prüfungen. Die letzten Semester hatten sich die Prüfungen zwar bezüglich des Diabetes nicht bemerkbar gemacht, aber ich rechnete einfach einmal mit dem Schlimmsten.


Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt. Oder wie sagt man so schön?
Naja so anders kam es bezüglich der Aufregung vor den Prüfungen gar nicht. Meine Werte pendelten sich irgendwo bei 200 mg/dl ein und ignorierten jede Korrektureinheit, bis ich dann endlich die Klausur vor mir liegen hatte und los schreiben konnte.
Was allerdings anders kam und mir bis dato so noch nicht passiert war, ist die Tatsache, dass sich auch während des Lernens vor meinen Prüfungen die Werte nicht bändigen liessen. Das galt insbesondere für meine morgendlichen Werte. Sobald ich aufstand und mich an den Tisch zum lernen setzte, sah ich nur noch eine scheinbar bis ins Unendliche steigende Glukosekurve auf dem Display meines FGMs. Und egal was ich machte, der Wert ging nicht unter die 200 mg/dl. Irgendwann hörte er zwar auf zu steigen, aber von einer sichtbaren Reaktion auf meine großzügigen Korrekturen, kann wohl keine Rede sein.
Aufregung beim Lernen? Bereits Tage vor der Klausur? Eher nicht. Vielleicht ein wenig Stress?! Aber an sich fühlte ich mich zumindest bis ich die katastrophalen Werte sah, den Umständen entsprechend gut.
Bei Werten von knapp 300 mg/dl lernen? Allen die diese Erfahrung noch nicht machen mussten, möchte ich an dieser Stelle sagen, dass ihr nichts verpasst habt. Denn auch ohne einen solchen Wert macht das Lernen, zumindest mir, herzlich wenig Spass. Wenn sich dazu dann noch Kopfschmerzen, Durst und Unwohlsein paaren, scheint das Straße überqueren ohne nach links und rechts zu schauen, plötzlich also eine wirklich denkbare Alternative...😉

Andere Gründe? 
Ich habe viel philosophiert und ausprobiert, bis ich mich dann schlussendlich mit meinem Schicksal abgefunden habe. Nachdem ich die schlechten Werte in den ersten Tagen noch auf die viele Nascherei von Nervennahrung schob, achtete ich die kommenden Tage akribisch genau auf alles was ich aß. Ohne sichtbaren Erfolg. Auch der Katheter sowie das Insulin wechselte ich mehr als einmal (Zitat Philippe: "Du musst doch nicht jedes mal alles wechseln..." - Recht hatte er). Aber ich wollte etwas unternehmen. Dafür dass es mir besser ging und dafür, dass ich nicht hilflos dabei zusah, wie der Diabetes machte was er wollte.
Irgendwann, nachdem ich scheinbar alle Möglichkeiten ausgeschöpft hatte, fand ich mich dann damit ab, dass die hohen Werte und die fehlende Reaktion auf das Insulin wohl doch stressbedingt waren. Auch wenn das eine ganz neue Erfahrung für mich war... Denn in sieben Semestern hatte ich bisher noch nicht solch heftige Reaktionen gezeigt.


Jetzt ist die Prüfungsphase mehr oder weniger erfolgreicht überstanden und die Werte sind ein Traum. Kein morgendlicher Anstieg mehr und wenn ich nicht gerade andere Fehler mache, wie mich beim Essen zu verschätzen oder ähnliches, läuft es wieder. Gott sei Dank! Denn die schlechten Werte hatten nicht nur Auswirkungen auf mein Lernverhalten,... sondern nicht zuletzt leidete auch mein Typ F'ler Philippe ziemlich unter meinen Launen. Als wäre meine schlechte Laune in der Prüfungsphase nicht schon anstrengend genug, gesellte sich die Verzweiflung bezüglich des Diabetes, der mich mal wieder an meine Grenzen gebracht hatte, dazu.
"16 Jahre Diabetes" im aktuellen Diabetes Journal (Jan. 2017) - und gute Werte!
Wie es weiter geht...
Die letzen Tage haben mir nochmal mehr gezeigt, dass es gelogen wäre, zu sagen, dass immer alles ganz easy mit dem Diabetes läuft. Denn es sind Momente wie meine Prüfungsphase, in denen mir immer wieder Wörter wie "Unfair" und "Nachteil" und die Frage nach dem "Was wäre wenn..." in den Kopf schiessen, obwohl ich eigentlich, auch in Hinblick auf den Diabetes, ein positiver Mensch bin. Ich bin offen, fröhlich und versuche immer das beste aus allem zu machen. Die besagten Wörter verschwinden häufig und insbesondere wenn es dann ein paar Tage wieder gut zwischen dem Diabetes und mir läuft, genauso schnell, wie sie gekommen sind. Was bleibt sind aber trotzdem Gedanken an einen möglichen Nachteilsausgleich oder aber sogar die Beantragung eines Schwerbehintertenausweises und das obwohl ich mich jahrelang genau dagegen mit allen Mitteln gewehrt habe. Denn ich wollte nicht wegen des Diabetes "anders" behandelt werden oder schwarz auf weiß haben, dass dieser mich behindert. Die letzten Wochen hatte ich aber erstmals das Gefühl, dass es so ist... Das hat mich selber mehr als überrascht. Diabetes bedeutet eben mehr als man vielleicht als Aussenstehender auf den ersten Blick wahrnimmt. Darüber hat auch Ilka von mein-diabetes-blog neulich einmal einen tollen Beitrag geschrieben.

Nächstes mal möchte ich versuchen meinen prüfungsbedingten Stress auf ein Minimum zu reduzieren. Ob es mir schlussendlich gelingen wird, wird sich zeigen.
Dabei unterstützen wird mich neben meiner Familie in Zukunft auch (weiterhin) das Freestyle Libre, dass nun zumindest von meiner Krankenkasse bezuschusst wird.
Man, war das ein Hin und Her. Aber in Zukunft wird mich jeder Sensor nur noch knapp 5 Euro (statt 60€) kosten und diese Tatsache stimmt mich mehr als positiv für die nächsten, wenn auch sicher nicht minder turbulenten Wochen, in denen es neben einer Bachelorarbeit auch einen Umzug zu vollziehen gibt. Ganz zu schweigen davon, dass es zum ATTD, einem internationalen Diabeteskongress, den ich bereits letztes Jahr in Mailand besuchen durfte, nach Paris geht. Ich jedenfalls kann es kaum erwarten! Mal sehen, was der Diabetes von all dem halten wird. Ich halte euch auf dem Laufenden!

Gerne würde ich von euch hören, wie ihr mit dem Studium, Prüfungen und der Aufregung zurecht kommt? Kennt ihr die oben beschriebenen Gefühle auch? Was tut ihr dagegen? Vielen Dank für Erfahrungen und Tipps!




Kommentare

  1. Mir geht es in der Prüfungsvorbereitung und während den Prüfungen ganz genauso. Ich bin einerseits froh, dass ich nicht alleine damit bin, aber eigentlich wünsche ich die ständigen Kopfschmerzen, den Durst und das Gefühl, dass nichts im Gehirn hängen bleibt. Das ist wirklich jedes mal zu verrückt werden. Ich bin jetzt im 5. Semester und die Werte haben bisher immer verrückt gespielt, da helfen auch keine Korrekturen oder Erhöhung der Basalrate.

    Aber wenn dann alles vorbei und sich die Werte wieder eingepegekt haben, dann sind die Gedanken, an etwaige Nachteile, die vielleicht durch den Diabetes entstanden sind, ganz schnell wieder verflogen.

    Liebe Grüße von einer "Leidensgenossin"

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    1. Entschuldige bitte die ganzen Fehler. �� Ich habe das gerade am Handy getippt

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  2. Um die 200 scheint wohl der Wert zu sein, der beim Lernen "angesagt" ist... ;) Bei mir das gleiche Trauerspiel aber ich war ehrlich froh um die hohen Werte bei den Prüfungen - für mich wär's weit schlimmer gewesen, in der stressigen Prüfungssituation mit Unterzucker kämpfen zu müssen... Aber alles geht vorbei und is es keine Prüfung, wartet das Leben sicher mit anderen Sparänzchen auf, die den Zucker ansteigen lassen. ;)
    Alles Gute und liebe Grüße aus Hallein bei Salzburg in Österreich :)

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  3. Mir ging es da leider genauso, der Zucker ist hoch und ich fühle mich unterzuckert. Was für ein Teufelskreis . Schon vier Monate vor der Prüfung konnte ich nicht mehr ruhig schlafen und habe mir im Schlaf die Zunge blutig gebissen. Und die Werte waren auch nicht gerade der knüller und je näher die Prüfung kam,desto schlimmer wurde es .

    Die Prüfungstage waren die reinste Katastrophe...

    Aber mal eine andere Frage ...
    In welchem Krankenhaus warst du, als du auf den Diabetes eingestellt worden bist ??? :)

    Liebe Grüße aus Köln
    K.

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    1. Kinderklinik Amsterdamer Straße :)

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    2. Darf ich fragen, wo du jetzt in Köln in Behandlung bist?

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    3. Hey, ich bin erst ab Ende nächsten Monat wieder in Köln und habe mir deswegen noch keinen neuen Diabetologen dort ausgesucht... 🙈😊

      LG
      Sarah

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