Diabetes-Raritäten: Was wir von einem Igel mit Urinstreifen und Diätplan lernen können


Zur Zeit meiner Diagnose waren Online-Communities, Facebookgruppen etc. zwar schon längst nicht mehr undenkbar, erfreuten sich aber trotzdem noch nicht allzu großer Popularität. Selbsthilfe und Austausch fanden zumindest in unseren Anfangszeiten eher regional und sehr viel über das damals behandelnde Krankenhaus statt.
Während es heute nur wenige Klicks braucht um Geschichten von anderen Betroffenen zu lesen, halfen wir uns vor etwa 15 Jahren beispielsweise noch mit Kasetten, wie den oberen aus. Auch Bücher verschiedener Pharmaunternehmen für Kinder standen teilweise noch Jahre später in meinem Bücherregal.
Auch wenn insbesondere die Diabetes-Anfangszeit sicherlich keine schöne Zeit war, so brachte ich es bis heute noch nicht übers Herz mich von diesen zwei Diabetesraritäten zu trennen. Und den Namen Raritäten haben diese Kassetten spätestens verdient, seit ich sie auf dem EASD vor wenigen Wochen an dem Stand eines deutschen Diabetesmuseums wiederfand. So kam es auch, dass ich beim Kofferpacken vor wenigen Tagen doch noch einmal auf die Suche gehen musste... und fündig wurde!

Wie alt die Kassetten wirklich sind, konnte ich leider nicht rausfinden. Es müssen aber mind. 12 Jahre sein. Damals wurden sie von der Firma Hoechst aus Frankfurt als Werbung für den sogenannten Optipen produziert. Soweit ich richtig informiert bin ist die Hoechst AG nach einigen Fusionen etc. heute Sanofi.
Aber auch wenn die Geschichten inhaltlich nun schon wirklich veraltet sind, wie ihr gleich bei der Vorstellung der Hörspiele, vermutlich selber noch merken werdet, finde ich sie wirklich immernoch süß und vorallem treffend. Intensivierte Insulintherapie ist für den Igel zwar noch ein Fremdwort; und trotzdem macht er emotional genau die Phasen durch, die wohl auch heute noch jeder Diabetiker einmal erlebt.

Bevor ich mich dann mit Tee und Decke auf die Couch kuschelte um nach Jahren mal wieder der Geschichte des Igels zu lauschen, galt es erstmal die benötigte Technik zu entstauben und nutzbar zu machen. Siehe da: Mein alter Walkman tut es noch!

Teil 1: Kasperl und der zuckerkranke Igel
Was bin ich froh, dass die Bezeichnung "Zuckerkrank" doch immer weiter aus der Mode gerät. Heutzutage wird stattdessen lieber verallgemeinert von Diabetes gesprochen - auch nicht besser, aber das soll ein anderes Thema sein. Die Bezeichnung stört mich heute auch weitaus mehr als damals. Zurück zum eigentlichen Thema!

Die Geschichte beginnt damit, dass die Freunde des Igels gerne spielen möchten. Aber als die den Igel sehen, so völlig abgemagert und müde und er ihnen dann auch noch erzählt, dass es ihm seitdem er die Röteln hatte so schlecht ginge, vermuten die Freunde der Igel habe wohl die "Schlaf-Trink-Magersucht-Röteln" gehabt. Schnell bringt der Kasperl ihn ins sogenannte Hexanatorium zur Hexe, welche schnell feststellt, dass der Igel wohl zuckerkrank ist.
Dabei singt sie (aus heutiger Sicht klingt das vor dem Hintergrund der rauen Stimme der Hexe zugegeben ziemlich gruselig):

"Ich untersuche nun das Blut, dem Igel gehts nicht gut. Nun haben wir das Resultat. Ich weiss was unser Igel hat. Der Igel wird genau untersucht. Was mag ihm bloß fehlen? Sag laut Ahhhh und streck die Zunge raus, ich glaub ich kann was sehen..."
Die Untersuchungen bestätigen die Hexe und sie teilt dem Igel und Kasperl mit, dass der Igel Typ 1 Diabetiker sei. Der Igel ist verwirrt und sagt, er will kein "Direletiker" sein und "Irelin" spritzen müssen.
Da sich der Kasperl das alles nicht wirklich vorstellen kann, setzen er und die Hexe sich kurzerhand in ein U-boot, dass durch einen magischen Verkleinerungsknopf so schrumpft, dass der Igel es schlucken kann und die zwei so den Igel-Körper erforschen können. Zweifelsohne macht das den Kasperl wohl zum coolsten Typ F'ler überhaupt.
Als sie an einer Insel mit lauter Blumen vorbei kommen, die die Köpfe hängen lassen, erklärt die Hexe, dass es sich um die Langerhanschen Inseln handelt, welche für die Insulinproduktion zuständig sind. Der Kasperl will wissen, ob man die Blumen nicht einfach ein bisschen giessen könnte, damit sie wieder wachsen und neues Insulin produzieren.

Die Katze (aka Assistentin der Hexe) stellt dem Igel einen Diätplan zusammen, in dem steht wann der Igel was essen darf. Gemeinsam singen sie das Diabetikerlied:
"Igel du bist Zuckerkrank, doch das macht gar nichts Gott sei Dank. Ab und zu ein kleiner Stick, das stört dich doch wirklich nicht. Schalalie und Schalala der Igel ist Diabetiket. Doch ist er dann gut eingestellt gehört ihm die gaaaaanze Welt."
Solange sich die Urinstreifen, welche die Hexe dem Igel mitgibt nicht verändern, wäre alles in Ordnung. Sollte aber doch einmal die Farbe wechseln, seie die Hexe da um ihm zu helfen.

Teil 2: Neues vom Kasperl und dem zuckerkranken Igel 
Nachdem der Igel am Ende des ersten Teils noch seine erste Unterzuckerung erlebt, steckt er nun in einem anderen, emotionalen Tief, in das wohl die meisten Typ 1er irgendwann einmal fallen - wenn auch heute aus anderen Gründen als der Igel damals. Diät? Darüber lachen wir alle ja Gott sei Dank mittlerweile.
Der Igel möchte in Teil 2 einfach nur sein wie seine Freunde. Er möchte essen was er will und das blöde spritzen nervt ihn auch. An seinem Geburtstag entscheidet er sich also entgegen der besorgten Ratschläge seiner Freunde zu essen was er will und soviel er will. Als er dann irgendwann umkippt, rufen die Freunde den Raben Rasputin und seine Flugrettung an um den Igel ins Hexanatorium zu bringen, wo die Hexe die erste Hyper des Igels diagnostiziert. 999mg/dl. Ohweh!
Es braucht seine Zeit bis der Igel wieder bei Bewusstsein ist. Dann schüttet er der Hexe sein Herz aus und erzählt weinend, dass er einfach nur wie die anderen sein will und nicht auf Diäten etc. achten möchte. Die Hexe schickt ihn darauf hin zu Prof. Delphin welcher in der Südsee zuhause ist und die intensivierte Insulintherapie erfunden hat, die es dem Igel ermöglichen soll zu essen wann und was er will. Direkt machen sich Kasperl und der Igel auf dem weg zu dem Professor, der ihm Bolusinsulin, Basalinsulin und Broteinheiten erklärt.
"Basalinsulin, mein Igel hält konstant den Zuckerspiegel, dann bist du bestens eingestellt was uns allen gut gefällt. Spritze es dir zweimal täglich.
Eines darfst du nie vergessen, deinen Zuckerwert zu messen"
Auch wenn der Igel nun zu jeden Malzeiten spritzen muss ist er wahnsinnig erleichter das selbe Essen zu können, wie seine Freunde auch.

Was wir vom Igel lernen können
Was die Diabetestherapie betrifft, sind die Methoden der Behandlung mittlerweile mehr als überholt Aber trotzdem erzählen die Geschichten vom Kasperl und dem Zuckerkranken Igel der Firma Hoechst auch heute noch relevante Aspekte aus dem Leben mit Typ 1 Diabetes. Nicht immer fällt es leicht zu akzeptieren, dass man vielleicht auch mal auf etwas verzichten muss, das andere in dem Moment vielleicht dürfen. Es gibt immer Momente, in denen man keinen Nerv mehr auf den sch*** Diabetes hat. Aber gerade wenn man sich anguckt, was der kleine Igel anfangs noch mit seiner Diät mitmachen musste, können wir uns doch alles in allem ziemlich glücklich schätzen. mit dem Weg, auf dem wir uns aktuell befinden. Oder denkt ihr der Igel könnte etwas mit dem Begrif CGM, Pumpe oder sogar Closed-Loop anfangen? ;-)

Und ihr? Kennt ihr die Kassetten auch noch? Habt ihr sie vielleicht auch noch Zuhause rumliegen? Ich bin gespannt!

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