Der Diabetes macht Urlaub


Ey Philippe, ich bin zittrig.
"Ja, dann steh doch auf und iss was..."


Es ist 9 Uhr morgens. Der offizielle Start unseres Experimentes:
 Einen Tag Urlaub vom Diabetes.

Würdest du einen Tag die Kontrolle über deinen Diabetes an einen Typ F'er abgeben, also an einen nicht Betroffenen aus deiner Familie, deinem direkten Umfeld?
Philippe sah diese Idee als eine sportliche Herausforderung, ich hatte (habe?) das Vertrauen in ihn, und sah endlich meine Chance mich für die besserwisserischen Kommentare meinen Diabetes betreffend zu rächen.
Also: Gesagt, getan.

Der Diabetes-Wecker

Erstmals allerdings wohl eher nur gesagt. Denn als ich Philippe mit oben gesagten Worten weckte, erinnerte er sich im Halbschlaf nicht mehr daran, dass er heute das Zepter in der Hand haben sollte. "Heute bist du dran!", ermahnte ich ihn also. Ich glaubte ein Stöhnen zu hören und fühlte mich erstmals bestätigt. Denn häufiger als gedacht, kommt der Diabetes bzw. die Hypo dem Wecker wie heute morgen also auch, zuvor.

Gegen 10:30 Uhr (es sind ja Semesterferien ;-)) frühstückten wir dann. Philippe hatte gemessen und die Brötchen waren geschmiert. Mithilfe des Bolus-Experten der Pumpe war es ein Leichtes für die berechneten BEs Bolus abzugeben. Leider jedoch, wobei ich Philippe da absolut keinen Vorwurf machen möchte, da meine Disziplin was den Spritz-Ess-Abstand betrifft auch nicht die Beste ist, etwas zu spät.
Auch wenn Humalog ein sehr schnellwirkendes Insulin ist, so sollte es doch lieber eher 10 Minuten vor dem Essen, als währenddessen abgegeben werden, um den Kampf gegen das böööse böööse Weissbrot zu gewinnen.

Spritz-Ess-Abstand

Die Strafe folgte dann in Höhe einer 233 nach dem Essen. Das wollte Philippe nicht noch ein mal passieren. Er maß noch einige Male nach und schaffte es dann schlussendlich auf eine 150.


Zu Mittag sollte es Brot mit Spiegelei geben (und  2 Kekse). Ich sagte Philippe ich würde 2 Scheiben  essen . Er berechnete und gab alles in die Pumpe ein.

Auf die Frage, ob ich nun essen dürfte schaute er mich nur verständnislos an.
"Ne, das hättest du mir mal früher sagen müssen. Du wartest jetzt erstmal 15 Minuten bis das Insulin wirkt" und spielte damit auf den beim Frühstück vergessenen Spritz-Ess-Abstand an.
Er nahm das ja ganz schön ernst.
Vemutlich wären die Werte auch weiterhin gut gewesen, wenn nicht meine Augen mal wieder grösser als mein Magen gewesen wären. Ohne weiter drüber nach zu denken, ass ich leider nur eine anstatt der zwei berechneten Scheiben Brot und raste somit in Philippes erste Unterzuckerung und wurde daraufhin zum Bananen-Essen verdonnert.

Fettige Herausforderungen

Philippes ersten Einfall als ich ihm das Experiment vorschlug, er würde mir einfach einen Tag keine Kohlenhydrate zu essen geben, dann müsse er ja auch nicht Spritzen, wenn alles gut läuft, hatte er ja glücklicherweise bereits am morgen verworfen.

Am Abend sollte es nun, um ihn nocheinmal richtig ins Schwitzen zu bringen dann Raclette geben. Zugegeben: Vermutlich die Speise, die nichtmal ein langzeit-Diabetiker problemlos händeln kann.
Käse, Käse und nochmal Käse.

Das selbe Spiel wie schon zuvor:
Besprechen, was ich essen möchte (diesmal auch wirklich die Menge dann essen) und Bolus berechnen.
Hätte vermutlich auch alles gut geklappt, wenn ich nicht auf die Idee gekommen wäre, im Nachhinein noch einen verzögerten Bolus für das ganze Fett abzugeben.
Zitat: Alles deine Schuld, hättest du mich mal nicht auf so eine falsche Färte gebracht, wärst du jetzt nicht so tief.
Wie daraus vielleicht schon hervorgeht, hatte ich (im Nachhinein betrachtet) schon bessere Ideen gehabt, als den abgegbenen zusätzlichen Bolus...
Aber wie heisst es so schön? Später ist man immer schlauer...
Und dieser Man(n) fühlte sich (verständlicherweise) ziemlich ins Handwerk gepfuscht.

Auch den Abend über testete Philippe fleissig den Blutzucker, und das obwohl wir auf einer Party waren, wo Nicht-Diabetiker sowas ja durchaus mal vergessen könnten. Dem war aber nicht so. Und auch einen nächtlichen Cheesburger inklusive Spritz-Ess-Abstand bändigte er hervorragend.


Fazit

Mein Fazit nach diesem Tag: Ich habe Urlaubsverlängerung beantragt.

Auch wenn ich die offensichtlichen Aufgaben, an einen Typ F'er, von dem ich weiss, dass er etwas von der Materie Diabetes versteht abgebe, so muss man trotzdem weiterhin auf seinen Körper und dessen Signale achten. Auch wenn häufiges Messen das Risiko einer Hypo ungemein mindert, so spürt ein Typ F'er leider nicht das Selbe, wie wir, wenn  der Blutzucker Achterbahn fährt.
Mir hat dieses Experiment gezeigt, dass ich mich auf meinen Typ F'er 101 prozentig verlassen kann. Niemand wird einem jemals den Diabetes komplett abnehmen können, aber zu wissen, dass jemand da ist, der messen, spritzen und BEs berechnen kann, ist ein wahnsinnig tolles Gefühl und gibt einem eine Menge Sicherheit. Ich wünsche jedem Jemanden, auf den er sich genauso verlassen kann!


Und zum Abschluss jetzt noch meine Frage an Philippe:
Komme ich mit meiner Urlaubsverlängerung durch?

Vielleicht noch ein paar Tage... Wie Sarah oben schon geschrieben hat, sehe ich solche Experimente gerne als Herrausforderung.
Denn alles, was mit ein bisschen rechnen zu tun hat macht doch Spaß ! ;)
Auch für mich ist es ein gutes Gefühl, wenn sich der Blutzucker von Sarah auf einem "vernünftigen" Level bewegt. Und eine 120 auf dem Messgerät zu lesen, ist doch immer wieder ein kleiner Triumpf.
Allerdings glaube ich jedem Diabetiker gerne, dass er oder sie nach 10 Jahren auch keine Lust mehr hat. Ein Tag Diabetes ist nunmal etwas ganz anderes als ein Leben lang.
Und speziell auf mich bezogen, glaube ich auch nicht, dass ich selbst öfter als 3 mal am Tag ans Messen denken würde...

Langfristig werde ich mich also doch wieder mit meiner Rolle als Besserwisser und Klugscheißer beliebt machen ;)


Habt ihr schon solche Erfahrungen gemacht ? Ich bin gespannt.

Grüsse


Kommentare

  1. Hey, welch ein tolles Experiment :)
    Ich weiß, dass dies oft in der Kinder- und Jungenddiabetologie angewendet wird, aber das inspiriert mich meinen Freund auch mal einen Tag lang Diabetiker sein zu lassen.
    Tolle Idee und liebe Grüße :)

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  2. Das muss ich doch glatt auch mal mit meinem Freund ausprobieren :D

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  3. Grossartig Idee.
    Wobei das Fühlen des tiefen oder hohen Blutzucker nicht abgegeben werden kann. Eigentlich schade. Wäre doch schön, wenn der/die PartnerIn morgens früher im Bett steht weil bei uns der Blutzucker nach unten rutscht :)

    Das mit dem Raclette oder auch mit Fondue kann ich nachvollziehen. Ich versuche es jeweils mit der Menge an Kartoffeln, resp. Brot abzuschätzen und nur das zu bolen. Frühstens nach einer Stunde beginne ich mit einem etwa zwei stündigen verzögerten Bolus von etwa einem Drittel des ersten Bolus den Käse abzudecken. Da geht nicht über ausprobieren. Erschwert wird das ganze durch die unterschiedliche Menge Wein die dazu getrunken wird. Oberste Devise ist bei mir aber immer, dass ich feines Essen durch keinen Blutzucker trüben lasse.

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