Montag: Brief an das Zuckermonster

dbw




 Hallo Du,

Erschreckend, dass wir uns nach mittlerweile 14 Jahren engstem Kontakt  immernoch nicht namentlich vorgestellt haben.
Immerhin haben wir schon 5.256 Tage, 126.160 Stunden, 7.569.656 Minuten und 454.179.483 Sekunden gemeinsam verbracht  Wir verbringen jeden Tag, ja sogar jede Nacht, jeden Urlaub, jede Vorlesung und sogar jede Krankheit zusammen.
Man könnte glatt denken wir wären beste Freunde, denn du überraschst mich jeden Tag aufs neue, dauernd sind wir anderer Meinung und wenn es mir dann mal nicht so gut geht leidest du mit mir.
Vielleicht gehörst du auch zur Familie?! Wir streiten uns ständig, weil du immer Aufmerksamkeit haben willst, und sei der Moment auch noch so unpassend.
Man könnte denken wir wären Zwillinge, denn alleine trifft man uns nicht an. Und bin ich auch noch so gernervt von dir, du weichst mir nicht von der Seite.
Du, Du bist mein Diabetes.
Und weil du das bist, bist du der treuste Begleiter den man sich vorstellen aber nicht unbedingt wünschen kann.


Oft wünsche ich mir so sehr, wir könnten einmal getrennt voneinander Urlaub machen, denn manchmal kann ich machen was ich will... Ich mache es dir einfach nicht recht.
Du willst so unfassbar viel Aufmerksamkeit: am besten die ganze Nacht durch. Auch wenn du mich immer darauf hinweist wenn es dir nicht gut geht, wirst du doch nie alt genug sein, um deine Probleme selbst zu lösen.
Wir sind wie syamnesische Zwillige. Zu 70 Prozent der Zeit die wir bereits miteinander verbracht habe, könnte ich dich zum Mond schiessen, an irgendeiner Autobahnraststätte aussetzen oder dich schlicht und ergreifend vor die Tür setzen.

Manchmal glaube ich jeder schwerst pubertierender Teenager ist besser zu bändigen als du. Immer hast du etwas zu meckern: Sei es auch nur das Fett der Pizza oder die Fahrradtour am Sonntag gewesen...
Aber all das meckern bringt ja nichts. Auch wenn ich manchmal immernoch so denke, wie ich dir oben beschrieben habe, so habe ich mich schon lange mit dir abgefunden und unsere innige Verbindung akzeptiert.
 Denn du warst es immhin auch, der mir als aller erstes in meiner Grundschulklasse die dreistelligen-Zahlen beigebracht hat. Wegen dir war ich eine der Ersten in der Grundschule, die ein Handy haben durfte. Und du hast mir ganz ganz tolle Menschen beschert, auf die immer Verlass ist. Auch wenn ich darauf verzichten könnte manchmal von der Seite blöd angeguckt zu werden, wenn ich messe, durch die Flughafensicherheitskontrollen mit Pumpe gehe oder mir einen neuen Katheter setze, so machst du mich heute zu dem Menschen der ich bin und dem wie mich alle kennen.
 Über Gerüchte und Lästereien, dass wir zuviel Zucker gegessen hätten stehen wir mittlerweile gemeinsam seit Jahren drüber. Trotz unserer Meinungsverschiedenheiten sind wir also hin und wieder doch ein tolles Team.
Und ehrlich gesagt wüsste ich nicht, was ich den ganzen Tag machen würde, wenn du von heute auf morgen weg wärest. Ich würde sicherlich trotzdem immer vor dem Essen messen, einfach so...aus Gewohnheit.

Viele Grüsse

Deine Sarah



Kommentare

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    1. Danke Elsalie. Deinen find ich aber auch ziemlich genial. Doch nicht so wichtig und einzig wahre Autoimmunkrankheiten :D

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  2. ...und ich dachte, alle anderen könnten besser mit "dem" umgehen... ;-)

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